Zur Bewusstseinslage im Spätkapitalismus

Vorspeise

Querdenker*innen sind radikale Konformisten

Als Vorspeise zum Hauptgericht sollen einige Einschätzungen zur aktuellen Bewusstseinslage im Spätkapitalismus serviert werden. Damit Vorspeise und Hauptgericht geschmacklich aufeinander abgestimmt sind, fällt die Wahl auf die Querdenker*innen, deren Wachstum und Schrumpfung seit Beginn der Corona-Pandemie mit der 7-Tage-Inzidenz der Infektionen zu korrelieren scheint.

Querdenken enthält als Begriff ein Lob, das den „Querdenker*innen“ nicht zusteht, aber genau deshalb von ihnen zur Selbstbezeichnung genutzt wird 1. Querdenken ist hinsichtlich aller Problemstellungen und Fragen grundsätzlich zwar ein geeignetes Erkenntnismittel 2, die „Querdenker*innen“ aber wenden ausgerechnet dieses Erkenntnismittel, mit dem sie sich schmücken, nicht an, auch wenn sie begeistert glauben, es zu tun. Tatsächlich denken sie gleichsam mittendrin geradeaus und keinesfalls quer. Mit ihrem Denken kommen sie den politisch-ökonomischen Verhältnissen nur scheinbar in die Quere. Sie sind auf Linie, also mittendrin, eben konform. Sie klagen lautstark das ein, was ihnen angeblich vom Staat verwehrt wird, ohne auch nur zu ahnen, dass staatliches Handeln im Wesentlichen aus der Festlegung politisch notwendiger Regeln für dauerhaft erfolgreiche Kapitalverwertung besteht. Sie halluzinieren den Staat und seine Repräsentanten als unabhängig vom Kapital und damit auch unabhängig vom profitorientierten Kapitalverwertungsprozess. Gerade so, wie die Repräsentanten des Staates es ihnen vorgaukeln, verschärft in Zeiten von Wahlkämpfen, wie er in den vergangenen Wochen vor der Bundestagswahl 2021 bestaunt werden durfte. Folgerichtig glauben sie aus eigener Überzeugung, die von Politiker*innen unterstützt wird, der Staat müsse ihnen „ihre“ Freiheit in jeder nur denkbaren Lage sichern.

In der Coronakrise wird aktuell wie durch ein Brennglas deutlich, wohin Mittendrindenken als Querdenken getarnt führt. „Querdenker*innen“ fordern Freiheit gemäß Grundgesetz wie außerhalb einer Pandemie. Sie wollen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Sie wollen keinen Abstand zu anderen Menschen halten. Sie wollen unbegrenzt Menschen treffen und ihnen nahekommen dürfen – im Freien wie in Gebäuden, überall. Sie wollen uneingeschränkte Bewegungsfreiheit im In- und Ausland. Sie wollen alles kaufen und konsumieren dürfen, was ihnen möglich ist. Sie wollen ihre ökonomisch-gesellschaftliche Funktion, die sie für Freiheit halten, in kapitalistischer Normalität ungehindert ausleben können. Sie halten die partielle Unterbrechung der kapitalistischen Normalität nicht aus. Ihr Lebenszweck, überhöht als Lebenssinn, den sie als Normalbürger, Normalarbeitnehmer, Normalkonsument usw. erfüllen, ist in ihrem Bewusstsein so stark bedroht, dass sie auf die Straße gehen und gegen die vom Staat verordneten pandemiebedingten Einschränkungen protestieren. Dabei sehen sie sich selbst als Anwalt der Menschen und der Menschheit allgemein, deren Wohlergehen sie im kapitalistisch-demokratischen Normalvollzug als gesichert betrachten und das erst durch die Pandemiemaßnahmen des Staates in der Coronapandemie unmöglich gemacht werde. Mittendrin denkende radikale Konformisten sind psychosozial so intensiv in den herrschenden Verhältnissen eingerichtet und verankert, dass sie keine Störung dieser physisch wie psychisch gelebten Normalität im demokratischen Kapitalismus hinnehmen wollen. Folgerichtig halten viele dieser radikalen Konformisten auch die Impfungen gegen Covid-19 für völlig wirkungslos oder für gefährlicher als eine mögliche Erkrankung durch Sars-CoV-2, weil sie am ungestörten kapitalistischen Normalmodus festhalten, der, wie sie meinen, keine Impfung rechtfertigt, schon gar nicht eine so schnell entwickelte und „irgendwie gentechnische“. Ihre radikale Konformität mit ihrer Arbeits- und Konsumfunktion im Normalmodus, als Freiheit missverstanden, halten sie dabei sogar für staatskritische Nicht-Konformität , weil der Staat ihrer Ansicht nach diesen Normalmodus ohne Not verhindert und mit seinen Maßnahmen finstere Absichten verwirklichen will (s.w.u.).

Um diese Position während einer Pandemie vertreten zu können, müssen die selbst ernannten „Querdenker*innen“ die Corona-Pandemie verharmlosen oder gar ganz leugnen. Ihr Begehren nach kapitalistischer Normalität ist virulenter, als es für sie die mittelbar und unmittelbar leicht wahrnehmbaren Folgen des Coronavirus sind. Da sie, die in Wirklichkeit systemkonforme Mittendrindenker*innen sind, sich überhaupt nicht erklären können, warum der Staat angesichts einer angeblich wenig gefährlichen oder gar nicht vorhandenen Pandemie solche normalitätseinschränkenden Maßnahmen ergreift, verfallen sie auf allerlei Trugbilder. Der Staat wolle mithilfe der Pandemiemaßnahmen schrittweise einen autoritär-diktatorischen Staat installieren. Hinter diesen diktatorischen Bestrebungen stecke aber noch Übleres wie z.B. die angeblich z.B. von Bill Gates beabsichtigte Zwangsimpfung der Weltbevölkerung oder anderes Grundböses allerlei Art. Zahlreiche Verschwörungserzählungen werden bemüht, um die unerträgliche Normalitätsstörung zu verstehen 3. Es muss irgendwelche Feinde „ihrer“ Lebensweise geben, anders sind den radikalen Konformisten die staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie nicht erklärlich. Selbst ihre Gesundheit sehen sie fast ausschließlich von diesen Maßnahmen und nicht vom Wirken des Coronavirus bedroht. Auf die Idee, die wankelmütige Teil-Lockdown-Politik des Staates auf dessen widersprüchliche Funktion als ideeller Gesamtkapitalist zurückzuführen 4, der einerseits die Gesundheit der Insassen des Kapitalismus, andererseits aber vorrangig die Verwirklichung von Profit und Wachstum fördern und bestenfalls gewährleisten muss, und genau diese wankelmütige Politik neben den Viruswirkungen für ihre Gesundheitsbedrohung verantwortlich zu machen, wollen sie nicht kommen, weil sie dann das Gegenteil der sofortigen Rückkehr zur herbeigesehnten kapitalistischen Normalität fordern müssten, nämlich den kurzen bis mittelfristigen harten Echt-Lockdown nicht nur des Freizeitbereichs, sondern besonders der Produktion, des Handels, des Banken- und Versicherungswesens usw., also des Arbeitsprozesses in Unternehmen und Institutionen aller Art bis auf die absolut lebensnotwendigen. Den kapitalistischen Modus der Wertverwertung grundlegend in Frage zu stellen, ist den radikalen Konformisten völlig fremd. Einzelne Kapitaleigentümer, Politiker, Parteien oder noch beliebter sogenannte Verschwörungen (jüdische Hochfinanz, Pharmaindustrie, WHO, Merkel-Diktatur, „Links-Grün-Versiffte“ usw.) als Inbegriff des Bösen zu halluzinieren, ist den radikalen Konformisten allerdings selbstverständlich, weil sie in ihrer konformistischen Verblendung einzelne Personen oder Gruppen sehr wohl für geldgierig, machthungrig und bürgerfeindlich halten, aber nie auf die Idee kommen, den demokratischen Kapitalismus als Struktur, als grundlegende Lebensbedingung kritisch zu sehen.

Nicht überraschend versuchen angesichts solcher aktueller Bewusstseinslagen alle Schattierungen politisch rechts orientierter Gruppen/Parteien die Bewegung der „Querdenker*innen“ für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei kommt ihnen entgegen, wie gering die Berührungsängste vieler radikaler Konformisten mit politisch rechts stehenden Positionen sind, u.a. auch beim Führungspersonal der Bewegung wie z.B. bei Michael Ballweg5. Rechtspopulisten, AfD, die Reichsbürgerbewegung, neofaschistisch lokal und regional operierende Gruppen, die Identitären und offen faschistische Parteien/Gruppierungen, sogenannte Neo-Nazis – alle sind sie begeistert, eine scheinbar staatskritische Bewegung für ihre Zwecke und mit nicht unerheblicher Zustimmung aus deren Reihen für sich nutzen zu können 6.

Die pandemieleugnenden oder – verharmlosenden radikalen Konformisten, im Schlepptau mit rechten Gruppierungen, welche exakt den autoritär-terroristischen Staat installieren wollen, den die radikalen Konformisten im aktuellen „Pandemiestaat“ bereits zu erkennen glauben, bekämpfen die pandemieeinsichtige Fraktion der kritisch-mündigen Staatsbürger*innen, die den Staat ebenso als völlig unabhängig von den kapitalistischen Grundlagen der herrschenden Verhältnisse missverstehen, ihn aber im Gegensatz zu den selbst ernannten „Querdenker*innen“ nicht als bösartigen Gegner, sondern in der Pandemie ausschließlich als Bewahrer ihrer Gesundheit halluzinieren. Diese kritischen Konformisten kritisieren staatliche Maßnahmen nicht als widersprüchliche und deshalb wankelmütige Politik zur Aufrechterhaltung kapitalistischer Wertverwertung, sondern regen sich über einzelne Maßnahmen auf, die z.B. zu schwach seien, und kritisieren vor allem die Inkompetenz einzelner Politiker oder Parteien. Die kritischen Konformisten sind sich, ohne es zu merken, mit den radikalen Konformisten in der ausschließlich personalisierenden Kritik einig. Im Gefolge dieser systemimmanent verblendeten „Pandemieversteher*innen“ befindet sich während der Pandemie ein erheblicher Teil der restlinken Szene, die z.B. als Antifa in den mittendrin denkenden radikalen Konformisten nichts anderes erkennen wollen und können als Nazis und dementsprechend „staatstreu“ auf die Straße gehen und gegen diese radikalen Konformisten und ihre Anti-Maßnahmen-Demos massiv auftreten.

Alle genannten Gesellschaftsgruppen, selbstverständlich ohne sich dessen bewusst zu sein, sind mittendrin in den Verhältnissen und ziehen allesamt falsche Schlüsse. Die pandemieleugnenden oder zumindest -verharmlosenden radikalen Konformisten wollen unmittelbar in die angeblich beglückende Normalität zurück, ohne die Gefahren von SARS-CoV-2/Covid-19 angemessen einzuschätzen. Die pandemieeinsichtigen kritischen Konformisten wollen auch zurück in die Normalität, nur nicht so schnell, weil sie wegen Covid-19 um Gesundheit und Leben fürchten. Die faschistoiden und faschistischen Gruppen wollen die Normalität radikalisieren, d.h. die sozialdarwinistischen Tendenzen kapitalistischer Konkurrenz zur vollen Blüte bringen, indem die formal-repräsentative Demokratie eingeschränkt oder ganz abgeschafft wird und die Volksgemeinschaft von ausländischen, islamischen und jüdischen Mitbürgern „befreit“ wird, damit das deutsche Volk eine Art glückliches Untertanentum in einem staatlich autoritär begleiteten oder gesteuerten Kapitalismus ausleben kann. Die restlinke Szene sieht allerorten nur noch Faschisten/Nazis und hat in erheblichem Maße den Blick für die Grundlagen des demokratischen Kapitalismus verloren, und bekämpft mittendrin nur noch die Bewusstseinsfolgen der herrschenden Verhältnisse, wie z.B. eben existentes faschistisches Denken.

Die Bewusstseinslage im Spätkapitalismus treibt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen/Kräften je nach aktueller politisch-ökonomischer Lage realsatirische Blüten, wie es zur Zeit v.a. die Pandemieverharmloser und -leugner unter den radikalen Konformisten lautstark vorführen. Will man aber über die Beschreibung aktueller Ausprägungen von Bewusstseinsformen und -inhalten hinausgehen und die Bewusstseinslage im Spätkapitalismus, das Hauptgericht dieses Aufsatzes, wenigstens zum Teil grundlegend erklären, sei den Leser*innen als Vorwarnung gesagt, dass dies ohne Theorie und ohne eine größere Textlänge nicht zu haben ist.

Hauptgericht

Formationen des Untertanentums

Der historisch viele Jahrtausende umfassende Zeitraum der Vorherrschaft offener Machtausübung zur Herstellung von Untertanengehorsam, ideologisch unterstützt durch den Glauben an eine göttliche Ordnung, wurde von einem im Vergleich dazu wenige Jahrhunderte, teils nur Jahrzehnte dauernden Prozess zum Aufbau eines mehrheitlich funktionierenden gesamtkörperlichen Einverständnisses von Untertanen ergänzt und zu großen Teilen abgelöst. In wenigen Jahrzehnten schließlich wurde das gesamtkörperliche Einverständnis durch die automatische Identifikation bzw. die automatisch-identifikatorische Funktionalität teilweise verdrängt, in der die vielfältige Einfalt dominiert. Erst Gehorsam durch Gewalt, dann Einverständnis durch Erziehung und Selbstmodellierung, dann Funktionalität durch Identifikation und Systemidentität. Alle drei Formen der Einpassung in herrschende Verhältnisse existieren im vorwiegend formal-demokratisch legitimierten, teils aber auch autokratischen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts nebeneinander, nicht selten auch innerhalb einzelner Personen. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Diese kurzen Bemerkungen führen zu einem Erklärungsversuch aktuell vorherrschender Bewusstseinsformen und -inhalte, der die „Querdenker*innen“ nur als ein aktuelles Teilphänomen begreift. Die Zurichtung des Menschenmaterials, also der Körper als einzelne und als gesellschaftlich physisch-psychische Masse zum Zwecke des unmittelbaren Untertanengehorsams im europäischen Feudal-Absolutismus ist hier nicht Thema, auch wenn Elemente dieses Gehorsams in die sich anschließende kapitalistische und dann sukzessiv demokratisch-kapitalistische Entwicklung mitgenommen wurden. Der Prozess der Verinnerlichung von Herrschaft als Herausbildung eines aktiven gesamtkörperlichen Einverständnisses mit und in kapitalistischer Herrschaft ist im hier vorgelegten Aufsatz der erste Aspekt herrschenden Bewusstseins, weil die gesamtkörperlich Einverständigen einen noch immer erheblichen Anteil der Bevölkerung in hochentwickelten kapitalistischen Staaten demokratischer Provenienz ausmachen. Die automatische Identifikation bzw. die automatisch-identifikatorische Funktionalität in kapitalistischer Identität als vorläufiger Höhepunkt herrschaftskonformer Bewusstseinsformen und -inhalte wird danach genauer unter die Lupe genommen. 7

Kurzer, aber notwendiger Exkurs: Leer-, Blind- und Schwachstelle bürgerlicher Gesellschaftswissenschaften

Nationalökonomie, dann Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, Staatswissenschaften, dann politische Wissenschaft, Philosophie und Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Soziologie und schließlich auch die Psychoanalyse und Psychologie oder gar die Erziehungswissenschaft (um nur einige Wissenschaftsdisziplinen zu nennen) haben sich als bürgerliche, also den kapitalistischen Formationen von Herrschaft letztlich verpflichtete Wissenschaften zwar in mancher Hinsicht verdient gemacht, etwa bei der Zurückdrängung der Theologie als einzige Weltsicht oder später durch zahlreiche erhellende Studien einzelner Phänomene oder Entwicklungen, waren und sind aber mit wenigen Ausnahmen als letztlich systemaffirmative Wissenschaften fast völlig unfähig, die massiven Auswirkungen der im Laufe von Jahrhunderten entwickelten und praktizierten kapitalistischen Arbeits- und Lebensformen auf die Bewusstseinsbildung, also das bewusste Sein der Insassen dieses kapitalistisch rasenden Zuges zu erkennen. Zwar blitzen in manchen Studien dieser bürgerlichen Wissenschaften, v.a. in interdisziplinären Arbeiten etwa der Sozialpsychologie, doch einige (Er-)Kenntnisse auf, welche die reine Affirmation der bürgerlichen, also kapitalistischen Herrschaft überschreiten, aber erst die systematische Kritik dieser bürgerlichen Wissenschaften seit Marx/Engels haben zu Sichtweisen geführt, die sich aus der reinen Bestätigung (Affirmation) herrschender kapitalistischer Verhältnisse wenigstens zum Teil befreien konnten 8.

Historischer Rahmen kapitalistischer Sozialisation

Der kapitalistische Sozialisationsprozess, sicherlich ein sehr holzschnittartiger Begriff, der hier aber als Benennung genügen muss, geht einher mit kapitalistischen Keimformen des Eigentums an Produktionsmitteln in Handwerk und Handel, der Städtebildung, der Durchsetzung der Geldwirtschaft sowie dem beginnenden Kreditwesen, der Entwicklung von lokalen, regionalen und dann auch internationalen Märkten, der Erfindung und Verfeinerung von Kanonen 9 und Handfeuerwaffen und des Militärs überhaupt bis hin zur Atombombe, zu Atomraketen und Cyber-War-Techniken, der Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrizität, des Automobils, der Flugzeuge und der digitalen und gentechnischen Revolution (um nur einige Aspekte zu nennen). Diese lange Entwicklung in Europa (beginnend ca. ab 1200 n.d.Z.) und dann beschleunigt in Nordamerika (ab dem 18. Jhdt.), später auch in Südamerika, schließlich und noch schneller in Asien (allerdings anknüpfend an bereits partiell vorhandene „Hochkulturen“) und weltweit, die alles umwälzt, was Individuen, Lebensformen (z.B. Familien) und Gesellschaften insgesamt überhaupt betreffen kann 10, wird hier selbstverständlich nicht nachgezeichnet. Die Durchsetzung voll (!) entwickelter kapitalistischer Produktion, Distribution und Konsumtion weltweit (!) im Laufe von nicht einmal zwei Jahrhunderten, die zwei Weltordnungskriege und den gescheiterten Versuch des sozialistischen Gegenentwurfs enthielten, der in Wahrheit im Wesentlichen Staatskapitalismus war (1917 ausgehend von der Russischen Revolution und 1989/90 beendet durch die Liquidation der Sowjetunion), weil Lohnarbeit, Ware und Geld nicht abgeschafft wurden, kann hier ebenfalls nicht dargestellt werden, auch wenn einige damit zusammenhängende Entwicklungsaspekte keinen geringen Einfluss auf den kapitalistischen Sozialisationsprozess hatten. Der gezähmte Kapitalismus („soziale Marktwirtschaft“) für ca. 25-30 Jahre nach dem 2. Weltkrieg v.a. in Westeuropa als Vorzeige- und Erfolgsmodell gegen die UdSSR, DDR usw. oder die US-amerikanische Vormachtstellung in ökonomischer, militärischer, besonders aber im hier verhandelten Zusammenhang in soziokultureller Hinsicht spätestens seit 1945 haben ebenfalls ihre Spuren im Bewusstsein hinterlassen (besonders in Deutschland als Frontstaat in der Systemauseinandersetzung), können hier aber auch nicht näher untersucht werden..

Grundlagen des kapitalistischen Sozialisationsprozesses

Von Interesse ist hier die psychophysische Verfassung, in der sich die Angehörigen der sozialen Klassen und ihre Untergliederungen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat, nach jahrhundertelangem Sozialisationsprozess 11 befinden.

Nur auf den ersten Blick ist ja erstaunlich, wie wenig dies (mit Ausnahmen) die einschlägigen Wissenschaften als Forschungsgegenstand interessiert. Im Gegensatz zu der evidenten Hypothese, dass der Sozialisationsprozess im Kapitalismus und inzwischen in vielen Weltregionen auch formal-demokratisch legitimiertem Kapitalismus nicht spurlos an den Menschen vorbeigegangen sein kann, wird immer noch und immer wieder aufwallend über die Freiheit „des Individuums“, also seine angeblich offenen Denk- und Handlungsoptionen schwadroniert, als sei jeder und jede in jeder sozialen Klasse unberührt von ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnissen in seiner Denk- und Handlungsweise völlig frei oder leider nur durch falsche politische Entscheidungen oder kapitalistisches Missmanagement in seiner Freiheit bedroht, also durch einzelne mächtige, aber inkompetente Personen oder Personengruppen. Wie sehr diese Ansicht zum Repertoire herrschenden Bewusstseins gehört, das durch die kapitalistischen Verhältnisse selbst in kapitalistischen Sozialisationsprozessen entsteht, soll in den folgenden Darlegungen neben anderen Aspekten deutlich werden.

Um sich dem zu nähern, was bereits oben als immer noch wirksames gesamtkörperliches Einverständnis und als „modernere“ automatisch-identifikatorische Funktionalität bezeichnet wurde, müssen die permanenten Erfahrungen im Kapitalismus bestimmt werden, die dazu führen, wenn auch in Widersprüchen und mit Widerständen.

Fetischcharakter der Arbeit, der Ware, des Geldes, des Kapitals, des Kaufaktes und des Konsums sind die Kategorien, welche die jahrhundertelange Erfahrung im kapitalistischen Sozialisationsprozess treffend zusammenfassen und bezeichnen.

Fetisch (Lohn-)Arbeit

Wer arbeitet, ist seines Glückes Schmied, so wird massenhaft geglaubt. Im Frühkapitalismus ist Arbeit unterteilt in selbstständige Handwerker-, Kaufleute- und unselbstständige Gesellen- und Tagelöhnerarbeit. Hier ist Arbeit im Sinne von Tätigkeit noch nicht voll entwickelte Lohnarbeit, die sich aber alsbald im Zuge der kapitalistischen Industrialisierung durchsetzt, weil ein großer Teil der selbstständigen Handwerker keine Produktionsmittel mehr besitzt. Vielen Ex-Handwerkern und Kaufleuten, v.a. aber auch Bauern blieb nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen – doppelt frei, nämlich frei von Produktionsmitteln und frei, sich jedem Unternehmer als Arbeitskraft anbieten zu können, aber eben auch zu müssen. Die selbstständige Handwerkertätigkeit des Eigentümers eines Handwerksbetriebs, die keine Lohnarbeit ist, hat aber den Standard gesetzt. Sie ist und bleibt „geadelt“. Das „Goldene Handwerk“ und die Geschicklichkeit der Kaufleute als Gegenentwurf zum arbeitsfrei herrschenden Adel, der dem Müßiggang frönte, ist noch immer die Referenz für gute Tätigkeit bzw. „Arbeit“. Noch heute wird Lohnabhängigen nicht selten vorgeworfen, sie seien zu feige und zu wenig risikofreudig, sich selbstständig zu machen und ein kleines Unternehmen aufzuziehen, weil sie sich vor der Verantwortung dieser Art von „Arbeit“ drückten.

Die Lohnarbeit in Manufakturen und dann Fabriken ist eine Notwendigkeit für die Lohnabhängigen, die keine selbstständigen Handwerker Und Kaufleute mehr sein können, aber die „Arbeit“ als selbstständiger Handwerker oder Kaufmann als Eigentümer seiner Produktionsmittel bleibt die positive Referenz. Es gibt sie ja auch noch heute, nur seltener. Arbeit, nicht verstanden als Lohnarbeit, ist der Weg zu Wohlstand und Lebensglück. Auch wenn das für die Masse der Lohnabhängigen nicht gilt, glaubt sie daran – gestützt von religiösen Überzeugungen v.a. des Christentums (Arbeiten im Schweiße deines Angesichts). Fetischcharakter der Arbeit – wer fleißig und aufopferungsvoll arbeitet, kommt auch nach oben, das ist die Quintessenz des notwendig falschen Bewusstseins im Arbeitsfetischismus („Vom Tellerwäscher zum Millionär“). Zwar wird das tagtäglich für mindestens 90% der Lohnabhängigen widerlegt, aber genau das weckt Hoffnungen, denn es sind ja keine 100%. Außerdem kann man auch innerhalb der Lohnabhängigkeit besser bezahlte Arbeit anstreben. Nach der Arbeiteraristokratie, die sich im späten 19. und frühen 20. Jhdt. im industriellen Produktionsprozess aus den besonders gut qualifizierten Facharbeitern herausbildete, hat sich im Laufe des 20. Jhdts. eine Angestelltenschicht entwickelt, die in Produktion, Handel, Banken, Versicherungen, im Gesundheitswesen sowie in anderen Dienstleistungsbereichen deutlich besser bezahlte und entscheidungsstärkere Lohnarbeit verrichten darf. Aktuell werden diese zwar nicht sehr großen aber doch mengenmäßig nennenswerten privilegierten Schichten der Lohnabhängigenklasse in der Spitze durch Topverdiener z.B. in Finanz- und Beratungsunternehmen sowie in Produktions- und Vertriebsunternehmen für Digital- und Gentechnik repräsentiert. Auch hier kommt es scheinbar nur auf die eigene Energie und die eigene Geschicklichkeit an. Wer sich also beklagen will, sollte erst einmal selbst fragen, warum er nichts Besseres vorzuweisen hat, so die gängige Ideologie.

Diese Glorifizierung von Arbeit und Leistung, die fälschlicherweise nicht in umfassender Bedeutung als Lohnarbeit verstanden wird, mit der immer noch vorhandenen sowohl erschreckenden als auch tröstlichen Option, sich selbstständig zu machen, ist ein wesentlicher Fetisch-Baustein des gesamtkörperlichen Einverständnisses oder der automatischen Identifikation mit kapitalistischer Realität, obwohl diese Glorifizierung sozusagen ein Kind des Spätfeudalismus und Frühkapitalismus ist. Sie fügt sich aber perfekt in den Arbeitsfetisch des 20. und 21. Jhdts. ein. Sie wird geteilt von den selbstständigen Unternehmern, den Managern des Kapitals, den durch Bezahlung und „Verantwortung“ herausgehobenen Angestellten- und Beamtenschichten in Leitungspositionen, von der teils noch verbliebenen Arbeiteraristokratie einschließlich der akademisch gebildeten Ingenieur*innen, aber auch von allen Lohnabhängigen, die sich einen Aufstieg in die besser bezahlten Schichten der Lohnabhängigenklasse ausrechnen oder zumindest für ihre Kinder durch passgenaue (Aus-)Bildung planen. Dass sich dieses über Jahrhunderte eingeübte und tradierte Einverständnis mit unverstandener Lohnarbeit nach einem Zwischenhoch des Widerstandes im späten 19. und frühen 20 Jhdt. durchgesetzt und in den Köpfen schrittweise tiefer verankert hat, lässt die Marxsche Hoffnung auf eine revolutionäre Arbeiterklasse nach kurzem Zwischenhoch in den 1960er und 1970er Jahren heute naiv oder traumtänzerisch erscheinen. Kurz, objektiv gibt es aktuell diese Arbeiterklasse oder zumindest die Lohnabhängigenklasse immer noch, subjektiv aber nicht oder nur in minimalen Ansätzen. Die Klasse an sich (objektiv existent) ist weit entfernt davon, zur Klasse für sich (subjektiv begriffen) zu werden. Die Perspektive im Arbeitsfetisch ist nicht, Lohnarbeit abzuschaffen, sondern durch Lohnarbeit, falsch glorifiziert als Leistung, „zu etwas zu kommen“, sogenannten Erfolg zu haben.

Neben der historischen Aufladung von „guter Arbeit“ als alles überragendes Persönlichkeitsmerkmal im besitzenden Bürgertum, das auch auf die Lohnabhängigen übertragen und von diesen „neidisch“ aufgesaugt wurde und deshalb ihre Sehnsüchte bedient(e), ist sicherlich für die Klasse der Lohnabhängigen und für jeden einzelnen Lohnabhängigen „die Arbeit“ als Lohnarbeit ständige Lebensnotwendigkeit schlechthin und deshalb bedeutsamer für den Fetischcharakter der Arbeit – oft ist Lohnarbeit eine Last, wenn man „eine Arbeit“ hat, aber heiß ersehnt, wenn man „arbeitslos“ ist. Lohnabhängigen gehört nichts außer ihrer Arbeitskraft. Diese Arbeitskraft verkaufen (vermieten) sie für Lohn. Der Lohn ermöglicht ihnen, Waren und Dienstleistungen zur Lebens- und damit Arbeitskrafterhaltung zu kaufen. Sie müssen ihr Leben (und das ihrer Kinder) erhalten, damit sie täglich für die Eigentümer an Produktionsmitteln „zur Arbeit“ gehen können. Ihre Arbeitskraft ist selbst eine Ware und wird so gehandelt. Den Lohnabhängigen gehört nichts von dem, was sie produzieren oder als Dienstleistung vollbringen. Deshalb bekommen sie auch keinen Lohn für den geschaffenen (Mehr-)Wert (s.w.u.) eines Produktes oder einer Dienstleistung, sondern für die Erhaltung ihrer Arbeitskraft, die sie gemäß der Befehle der Kapitaleigentümer oder in deren Auftrag der Manager, Abteilungsleiter, „Chefs“ etc. für bestimmte Zeit eines Tages verausgaben. (Dass daraus überhaupt erst Gewinn und Profit möglich werden, wird später vertiefend erläutert, hier aber bereits vorausgesetzt.)

In diesem Arbeitsprozess, den Lohnabhängige täglich erfahren, arbeiten nahezu alle Lohnabhängigen in arbeitsteiliger Kooperation mit anderen Lohnabhängigen. Der Arbeitsprozess ist demnach nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich. Dieser arbeitsteilige Prozess führt zu zahlreichen Gliederungen und Abstufungen der Lohnabhängigen. Löhne und Gehälter der Lohnabhängigen sind ebenso unterschiedlich wie Entscheidungs- und Machtbefugnisse innerhalb der vom Kapital befohlenen Arbeit.

Entfremdung und Verdinglichung

Diese kurze Darstellung muss hier genügen, um die Entfremdung und Verdinglichung 8 der Lohnabhängigen in und durch die (Lohn-)Arbeit darstellen zu können. Der Lohnabhängige verkauft seine Arbeitskraft. Kapitaleigentümer und Staat kaufen diese Arbeitskraft wie jede andere Ware auch. Die Arbeitskraft ist als Ware verdinglicht. Von den erzeugten Arbeitsprodukten und Dienstleistungen ist die Arbeitskraft des Lohnabhängigen entfremdet, weil sie ihm trotz seiner darin verausgabten Arbeitskraft nicht gehören. Da die Arbeitskraft Teil des lebendigen Körpers des Lohnabhängigen ist, ist auch der Lohnabhängige als ganzer Mensch von „seiner“ Arbeit und „seinen“ Arbeitsprodukten entfremdet. Eine weitere Stufe der Entfremdung kann darin gesehen werden, dass in hochspezialisierten, arbeitsteiligen Arbeitsprozessen zusätzlich die Beziehung des Lohnabhängigen zum ganzen Produkt oder zur ganzen Dienstleistung verloren geht, weil er seine Arbeitskraft nur an einem Teil des Produktes/der Dienstleistung verausgaben darf. Ebenso geht in arbeitsteiligen Prozessen zum Zwecke erweiterter Kapitalverwertung auch der Zusammenhang zu anderen Arbeitskräften verloren 12 – aktuell versinnbildlicht durch die Einzelarbeit am Computerbildschirm, die zwar erst produktiv durch das Zusammenwirken vieler Bildschirmarbeiter*innen wird, aber vom einzelnen Bildschirmarbeiter gar nicht mehr als Kooperation wahrgenommen werden kann. Schließlich wird der Lohnabhängige von der eigenen verdinglichten Arbeitskraft entfremdet, weil er die Arbeit wegen des Lohns und nicht wegen der Tätigkeit selbst ausübt, sodass die konkrete Tätigkeit völlig beliebig ist und nichts mit Bedürfnissen, Interessen, Absichten usw. des lohnabhängigen Menschen zu tun haben muss.

Nun ist aber leicht nachvollziehbar, da es sich beim Lohnabhängigen eben nicht tatsächlich um ein Ding handelt, auch wenn er so behandelt wird, dass sich ein Lohnabhängiger allerlei Gedanken um „seine“ Arbeit macht, um der (meist unbegriffenen, aber oft gespürten/empfundenen) Verdinglichung und Entfremdung etwas „Menschliches“ entgegenzusetzen. So versucht fast jeder Lohnabhängige einen Arbeitsplatz zu finden, an dem er etwas leisten muss, was seinen Interessen und Fähigkeiten wenigstens einigermaßen entspricht. Diese „individuelle“ Suche ist allerdings bereits sehr eingeschränkt, weil es nicht um Absichten des Lohnabhängigen, sondern um die des Kapitals oder des Staates geht. Die Unternehmer (und der Staat) unternehmen etwas mit der Arbeitskraft. Deshalb versuchen viele Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, ihre Aus- und Fortbildung am Arbeitsmarkt auszurichten und sich deshalb für die Arbeitsplätze zu interessieren, die vom Kapital und vom Staat jeweils angeboten werden. Die individuellen Interessen werden durch die Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften deutlich beeinflusst, teils auch gelenkt. Das wäre unproblematisch, wenn das Arbeitsplatzangebot zu allen Zeiten breit gefächert wäre. Das ist es aber nicht und kann es auch nicht sein. Das Angebot an Arbeitsplätzen ist nämlich bis auf sehr wenige Ausnahmen abhängig von der jeweils aktuellen Profiterwartung der Unternehmen oder den staatlichen Entscheidungen, in welche Bereiche Geld fließt. Im Arbeitsprozess selbst wenden viele Lohnabhängige große Energie auf, „an der Arbeit“ Gefallen zu finden. Das gelingt manchen zum Teil als Gegenpol zur dennoch wirksamen Verdinglichung und Entfremdung, andere stumpfen nahezu völlig ab; aber selbst die, die „ihre“ Arbeit als für sie selbst sinnhaft einschätzen, sind häufig fremdbestimmter, als sie es selbst empfinden (wollen). Gerade die besser bezahlten Arbeiten von Lohnabhängigen erfordern häufig einen extrem hohen Grad an Selbstmodellierung (des ganzen Menschen) – vom äußeren Erscheinungsbild bis hin zum sogenannten inneren Zustand (Loyalität, Identifikation, Auftreten/Habitus, Sprachstil etc.). 13

Je geringer die gewerkschaftliche Gegenmacht gegen solcherlei Zumutungen, je geringer die Aussicht auf Veränderung der Arbeitsverhältnisse – und das über Generationen hinweg, die ihre Erfahrungen an ihre Nachkommen weitergeben, die meist ebenfalls Lohnabhängige sein werden – umso häufiger und intensiver ist das teils zwanghaft, teils aus eigenem Interesse entwickelte gesamtkörperliche Einverständnis oder die automatische Identifikation mit der Notwendigkeit der Lohnarbeit und dem Fetisch Arbeit insgesamt. Je geringer die Möglichkeit, derartige Zusammenhänge wenigstens zu bedenken oder gar zu durchschauen, umso häufiger gestalten Lohnabhängige gar kein Einverständnis aktiv mit, sondern identifizieren sich quasi bewusstlos automatisch mit diesen fetischhaften Arbeitsverhältnissen, so als sei nicht nur ihre Arbeitskraft eine Ware, sondern sie selbst als ganzer Mensch. Allerdings ist die „bewusstlose automatische Identifikation“ eine wenn auch sehr spezielle Form von Aktivität. Je häufiger die automatisch-identifikatorische Funktionalität im Kapitalismus zur Haltung von Lohnabhängigen wird, umso naturhafter und unveränderbarer erscheinen die kapitalistischen Verhältnisse und damit auch die Lohnarbeit als scheinbares Naturgesetz.

Warenfetisch

Grundgelegt und befeuert werden das gesamtkörperliche Einverständnis wie auch die automatisch-identifikatorische Funktionalität durch den Fetischcharakter der Ware und der Warenwelt insgesamt, weil Arbeit Lohnarbeit ist und die Lohnarbeitskraft, die für Lohn arbeitet, ebenfalls Ware ist. Der Fetischcharakter der Ware 14 ist der eigentliche Kern der Fetischisierung der kapitalistischen Verhältnisse insgesamt, also ihrer totalen Wirksamkeit. In den obigen Darlegungen wurde die (Lohn-)Arbeit nur vorgeschaltet, weil sie in der Wahrnehmung und Erfahrung Erwachsener im täglichen Lebensprozess häufig der Sozialisationswirkung des Fetischcharakters der Ware vorangeht. Die Wirksamkeit des Fetischcharakters der Warenwelt erscheint als Natürlichkeit und deshalb als Notwendigkeit, die Unangreifbarkeit und Unveränderbarkeit impliziert. Alternativen zum Kapitalismus gelten im kapitalistischen Fetischmodus als gegen die Naturnotwendigkeit gerichtet.

Es wäre vermessen, mit wenigen Worten den grundlegenden Fetischcharakter der Ware und damit der Arbeit, des Geldes, des Kapitals und zahlreicher damit zusammenhängender und permanent stattfindender Handlungen erklären zu wollen. Einige vereinfachende Bemerkungen und Zitate, die hoffentlich ein wenig über Andeutungen hinausgehen, müssen genügen.

Ein Käufer reicht auf dem Wochenmarkt Geld über den Tisch und bekommt dafür Gemüse von der Marktfrau. Eine Käuferin steckt eine EC-Karte ins Kartenlesegerät und ein Geldbetrag wird später von ihrem Konto abgebucht, den die Kassiererin vorher per Strichcode, der sich auf den Waren befindet, eingescannt hat. Die Käuferin packt die Waren aus dem Einkaufswagen in ihre Taschen und trägt sie nach Hause. Ein PC-User kauft per Kreditkarte eine Ware im Internet, die ihm ein paar Tage später von einem Paketdienst ins Haus geliefert wird. Es treffen sich also Menschen auf einem „Markt“. Zweifellos. Die Käufer*innen kaufen z.B. Blumenkohl, Tiefkühlpizza oder ein Buch. Die Verkäufer*innen geben die Waren für Geld ab. Nur, warum geben die Verkäufer*innen nützliche Dinge mit Gebrauchswert für Geld an die Käufer*innen ab? Auch das scheint leicht erklärbar, denn mit Geld kann man sich ja wieder z.B. Blumenkohl, Tiefkühlpizza oder Bücher kaufen. Warum eigentlich? Nun, mit Geld kann man nicht nur Blumenkohl usw., sondern alles kaufen, was als Ware oder Dienstleistung angeboten wird (Probleme wie z.B. Geldentwertung werden hier vernachlässigt). Geld hat demnach anscheinend einen universellen Gebrauchswert. Vernachlässigt wird hier, dass die Verkäufer*innen das Geld nicht für sich einnehmen, sondern für das Unternehmen, in dessen Auftrag sie Waren verkaufen.

Teils anscheinend, teils scheinbar treffen sich demnach Menschen auf Märkten, um Gebrauchswerte zu kaufen und zu verkaufen. Die Käuferin im Supermarkt z.B. verkauft also Geld für Tiefkühlpizza und andere Waren. Diese seltsam anmutende Aussage ist nicht weniger richtig als die Aussage, ein Buchversand verkauft für Geld Bücher. Kaufen und Verkaufen ist nichts anderes als ein Warentausch, weil Ware gegen Ware getauscht wird, nur dass Geld eine sehr spezielle Ware ist, mit der alles getauscht werden kann. Blumenkohl gegen Tiefkühlpizza oder ein Buch zu tauschen gelingt kaum, schließlich „kostet“ der Blumenkohl 1,90 €, die Tiefkühlpizza 2,90 € und das Buch 9,90 €, wobei diese Preise den Wert zum Ausdruck bringen sollen. Die Waren haben offenbar einen unterschiedlichen Wert in Preisen ausgedrückt und das kann wohl nicht der Gebrauchswert sein, denn wie will man den Gebrauchswert von Blumenkohl und Buch miteinander vergleichen? Oder den von Geld und Tiefkühlpizza? Man wird wohl zu keinem Ergebnis kommen. In den Waren steckt demnach noch ein anderer Wert als der Gebrauchswert, nämlich der Tauschwert. Dieser Tauschwert hat nichts zu schaffen mit dem Gebrauchswert, also etwa dem Geschmack von Blumenkohl oder Tiefkühlpizza oder mit deren Kalorien- oder Vitamingehalt, auch nicht mit dem Lesevergnügen, das das Buch bereiten mag. Der Tauschwert steckt in den Waren als Abstraktion – und zwar als Abstraktion von der sehr unterschiedlichen konkreten Arbeit, die zur Herstellung der verschiedenen Waren nötig war, wie auch als Abstraktion vom konkreten Nutzen der verschiedenen Waren. Der Tauschwert ergibt sich also aus der Gleichsetzung aller Arbeiten als abstrakte Arbeit, die mit unterschiedlichem Zeitaufwand für die Herstellung der Waren aufgebracht wurde. Anpflanzen, Wässern und Ernten sind ebenso konkrete Arbeiten wie Schreiben, Drucken und Buchbinden, lassen sich aber als Ergebnisse konkreter Arbeit nicht tauschen, sondern nur als Ergebnisse abstrakter Arbeit in Zeiteinheiten.

Demnach treffen sich auf Märkten zwar faktisch Menschen, aber ihre Bedürfnisse nach Gebrauchswerten können nur befriedigt werden, wenn sich Waren auf Märkten treffen und gemäß Tauschwert getauscht werden. Da Waren nicht laufen oder fahren können, transportieren Menschen die Waren zum Markt, damit sie getauscht werden können. Rein ökonomisch betrachtet sind im Kapitalismus Käufer*innen und Verkäufer*innen (und LKW-Fahrer, Lagerarbeiter, Büroangestellte usw.) letztlich nur Hilfsmittel für einen gelingenden Warentausch.

Nun, so ist die Hoffnung, mögen einige Marx-Zitate aus dem berühmten Kapitel zum Fetischcharakter der Ware in Das Kapital, Band 1 14 grundsätzlich und hinsichtlich der Bedeutung für die Erklärung herrschender Bewusstseinsformen und -inhalte im (Spät-)Kapitalismus verständlicher sein:

„Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr, ob ich sie nun unter dem Gesichtspunkt betrachte, daß sie durch ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse befriedigt oder diese Eigenschaften erst als Produkt menschlicher Arbeit erhält. … Der mystische Charakter entspringt also nicht aus ihrem Gebrauchswert. … Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten [als abstrakte Arbeit, also unter Vernachlässigung der individuell-konkreten Arbeitskraft und der konkret-praktischen Arbeit] erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche Dinge oder gesellschaftliche Dinge. … Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. … Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist. Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt … aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert.

Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit. Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifischen gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. …

Erst innerhalb ihres Austausches erhalten die Arbeitsprodukte eine von ihrer sinnlich verschiednen Gebrauchsgegenständlichkeit getrennte, gesellschaftliche gleiche Wertgegenständlichkeit. Diese Spaltung des Arbeitsprodukts in nützliches Ding [Gebrauchswert] und Wertding [Tauschwert oder kurz Wert] bestätigt sich nur praktisch, sobald der Austausch bereits hinreichende Ausdehnung und Wichtigkeit gewonnen hat, damit nützliche Dinge für den Austausch produziert werden, der Wertcharakter der Sachen also schon bei ihrer Produktion selbst in Betracht kommt.“

Zwar müssen demnach auch in der Warenproduktion nützliche Arbeiten zur Produktion nützlicher Dinge (oder auch Dienstleistungen) verrichtet werden, um sich in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung als gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigende Arbeiten zu bewähren, die konkret verschiedenen Arbeiten und die konkret verschiedenen Dinge können aber als Waren „nur in einer Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehn, in der Reduktion auf den gemeinsamen Charakter, den sie als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, abstrakt menschliche Arbeit, besitzen“.

„Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“

Dieser Fetischcharakter der Ware, der in den kapitalistischen Zentren seit mindestens 150 Jahren und global seit einigen Jahrzehnten wirkmächtig ist und in kapitalistischen Gesellschaften von einer riesigen Mehrheit als naturgesetzliche Notwendigkeit missverstanden wird, führt zu sehr vielen Einstellungen/Haltungen und praktizierten Verhaltensmustern, die sich mit zunehmender Umzingelung durch Waren und deren Vermarktung im Laufe der Jahrhunderte/Jahrzehnte vertieft und verfestigt haben. Käufer*innen und Verkäufer*innen erscheint der Kaufvorgang als natürlich, obwohl sie mit völlig unterschiedlicher Perspektive an diesen Tausch herangehen. Die Kaufwilligen wollen gegenständliche Gebrauchswerte oder nützliche Dienstleistungen, kommen aber nur über die Tauschwerte der Waren an ihre Gebrauchswerte heran. Verkaufswillige wollen den Tauschwert von Waren und Dienstleistungen realisieren, also für Geld (Universalware) eintauschen, müssen zu diesem Zweck aber Waren anbieten, die auch Gebrauchswert haben. Käufer*innen wollen möglichst wenig Geld ausgeben und möglichst viel Gebrauchswert kaufen, Verkäufer*innen wollen möglichst viel Geld einnehmen und dafür möglichst wenig Tauschwert hergeben. Falls um den Preis gefeilscht wird, argumentieren meist beide Seiten mit dem Gebrauchswert der Ware/Dienstleistung. Die Käufer*innen spielen den Gebrauchswert herunter, die Verkäufer*innen herauf, obwohl der (Tausch-)Wert der Ware/Dienstleistung die Grundlage für den Preis ist. Manchmal blitzt Erkenntnis auf, die aber in der Regel schnell wieder verschwindet. Diese oder jene Ware sei das Geld nicht wert, sagen manche Käufer*innen und haben in dem Moment zumindest eine Ahnung von der darin steckenden Arbeitskraft und Arbeitszeit. Aber bereits die Rede von gutem oder schlechtem Material verschleiert schon wieder diesen Zusammenhang, weil das Material wie vom Himmel gefallen gut oder schlecht zu sein scheint, obwohl darin unterschiedlich viel abstrakte Arbeit steckt. Auch die Verkäufer*innen nähern sich im Verkaufsgespräch manchmal dem entscheidenden Tauschwert, wenn sie etwa darauf hinweisen, wie fein und arbeitsaufwendig eine Ware gearbeitet sei, schnell sind sie aber wieder beim angeblichen Nutzen, dem Gebrauchswert der Ware für den Kunden. Der Doppelcharakter der Ware – Gebrauchswert und Tauschwert -, also auch der Doppelcharakter der Ware Arbeitskraft, die konkret-nützliche Arbeit verrichtet, die aber im Tausch als abstrakte Arbeit mit konkret völlig anderen Arbeiten gleichgesetzt wird, lässt Waren wie „mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten“ erscheinen. Es ist kein Zufall, wenn viele Konsumenten die gekauften Waren auch im Gebrauch fetischisieren, wie auch den Kaufakt selbst.

Den Waren (und Dienstleistungen) werden zusätzliche Bedeutungen, Sinnhaftigkeiten und teils völlig abwegige Funktionen angeheftet, wie die Werbung für Waren (und Dienstleistungen) in mannigfacher Variation verdeutlichen. Ein Automobil oder eine Zigarette als Symbol für Freiheit, ein Haarwaschmittel mit erotischer Anziehungskraft, ein Werkzeugkasten als Ausweis für handwerkliche Fähigkeiten, Nahrungsmittel, die als „bio“ oder „light“ angeboten werden, gelten als gesund usw. usw. Dazu kommt die Verpackung von Waren als Unterstreichung der Warenästhetik, die in manchen Fällen wichtiger erscheint als die Ware selbst. Auch Arbeitskräfte sind nicht selten, weil sie Ware sind, innen wie außen verpackt und modelliert. Kaufen (Tausch) gilt zunehmend nicht mehr als Notwendigkeit, sondern als Erlebniskauf, als unterhaltsames Ereignis usw. usf.

Der Warenfetisch ist nicht nur in den Arbeitsfetisch eingeschrieben, sondern auch Grundlage für den Geld- und Kapitalfetisch, da Geld nichts anderes als Universalware ist und Kapital sich aus Waren in unterschiedlicher Form zusammensetzt – konstantes Kapital in Form gegenständlicher Waren und variables Kapital in Form von Arbeitskräften als Waren sowie potenzielles Kapital in Form von Geld und allen „Papieren“, die Ansprüche auf Geld bescheinigen.

Geld- und Kapitalfetisch

Es ist unmittelbar einsichtig, das in einer derartig konstruierten Ökonomie der Geldfetisch gleichsam die Krönung der gesamten kapitalistischen Veranstaltung darstellt. Der Selbstzweck des Kapitals, aus Geld (Universalware) durch Ausbeutung von Arbeitskräften (die einzigen Waren, die Werte herstellen, während sie verbraucht werden) mehr Geld zu machen – G-W-G‘ – führt zu Handlungen der Kapitaleigentümer bzw. der von ihnen angestellten Kapitalmanager (von der untersten bis zur Top-Ebene), die in vielfältiger Weise nicht die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, die ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen, also gegen die Universalware Geld tauschen müssen, sondern die „Bedürfnisse“ des Kapitals (G-W-G‘) möglichst erfolgreich befriedigen müssen. Es geht nicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen oder die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen, sondern um Profit.

Die verdinglichten und mehrfach entfremdeten Lohnabhängigen verkaufen ihre Arbeitskraft ans Kapital und verausgaben sie unter dem Kommando des Kapitals. Sie erhalten Lohn, also den Tauschwert ihrer Arbeitskraft, und schaffen während der Arbeit Mehrwert. Diesen Mehrwert, der als geronnene Arbeitszeit oder als vergegenständlichte Arbeitskraft in den von ihnen geschaffenen Waren und Dienstleistungen steckt, erhalten sie nicht. Den Wert des eingesetzten konstanten Kapitals (Rohstoffe, Maschinen, Werkhallen, Büroräume usw.) und des eingesetzten variablen Kapitals (Lohn) schießt der Kapitaleigentümer vor, den Mehrwert eignet er sich an (wenn er am Markt realisiert werden kann, also die produzierten Waren und Dienstleistungen verkauft werden können). Lohnabhängige müssen sich so verhalten, weil sie nichts weiter als ihre Arbeitskraft besitzen und nur diese zur Produktion von Waren und Dienstleistungen einsetzen können, um durch Lohn für ihre Arbeitskraft an die Universalware Geld heranzukommen, mit der sie die nötigen Lebensmittel zur Erhaltung (Reproduktion) ihrer Arbeitskraft tauschen bzw. kaufen können.

Es ist evident, dass das Kapital möglichst niedrige Löhne, möglichst lange Arbeitszeiten und eine möglichst hohe Leistung der Lohnarbeitskräfte anstreben muss. Ebenso evident ist, das im Gegensatz dazu die Lohnabhängigen möglichst hohe Löhne, möglichst kurze Arbeitszeiten und möglichst geringe Leistungsanforderungen anstreben müssen. Diese Konstruktion kapitalistischer Ökonomie aber ist ein Antagonismus, ein innerhalb der Konstruktion unauflösbarer Widerspruch, allerdings mit systemischer Schlagseite. Die ökonomische und selbstverständlich auch politische Macht des Kapitals ist ungleich größer als die der Lohnabhängigen. Zwar ist das Kapital auf lohnabhängige Arbeitskräfte angewiesen, also auf die Quelle des Mehrwerts und des Profits, aber die Lohnabhängigen können, wenn überhaupt, nur als solidarische große Menschenmasse eine zeitlich begrenzte Gegenmacht entwickeln (z.B. durch Streik). Ohne Veränderung/Umwälzung der Produktionsverhältnisse stößt der unverrückbar gesetzte Selbstzweck des Kapitals, also Profit, auf menschliche Bedürfnisse und Absichten der Lohnabhängigen, die sich nur durch Erlangen von Geld (tendenziell) befriedigen lassen, also durch dasselbe Mittel, in dem sich Profit ausdrückt. Auf der einen Seite Kapital, auf der anderen Seite Konsumgeld. Auf der einen Seite Akkumulation (Anhäufung) durch Profit, auf der anderen Seite Geldverbrauch für Konsum. Auf der einen Seite Entscheidungsmacht – was und wie viel wird wo und für wen produziert und zum Tausch/Verkauf angeboten -, auf der anderen Seite untertänige Auswahl aus diesen Entscheidungen – was und wie viel kann wo und für wen mit Lohngeld getauscht/gekauft werden.

Was für alle Gesellschaftsmitglieder auf unterschiedliche Weise ohne Unterbrechung wirksam ist, was alle anstreben und möglichst viel davon haben wollen, ist Geld. Zu sagen, „Geld regiert die Welt“, drückt den Fetischcharakter des Geldes zum Teil aus, drückt aber nicht aus, dass Geld, wie auch Kapital, und alle Waren nichts anderes als ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen darstellen, das im Fetischcharakter auf den Kopf gestellt wird, so dass die sachlichen Ergebnisse der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ein Eigenleben zu führen scheinen und die Menschen wie Roboter als Lohnarbeitskräfte und Kapitaleigentümer fungieren, um die Waren- und damit die Geldzirkulation zu ihrem einzigen Zweck in Gang zu halten, nämlich aus Geld noch mehr Geld zu machen – Kapitalakkumulation, also Anhäufung von Kapital. Der entscheidende Ansatzpunkt zur Kritik des Kapitalismus, ist demnach nicht, wie zahlreiche Kritiker*innen meinen, die extreme Ungleichverteilung des Geldes oder gar die Gier einzelner Teilnehmer*innen am kapitalistischen Prozess, sondern der klassenantagonistische Kapitalverwertungsprozess selbst, der u.a. zu gar nichts anderem als extremer Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen führen kann (!). Wenn einige „Reiche“ fordern, endlich mehr Steuern zahlen zu dürfen 15, um staatlicherseits diese Ungleichverteilung durch Umverteilung „von oben nach unten“ etwas abzumildern, weil sie es selbst als öbszön empfinden oder die Gefahr verschärften Klassenkampfes sehen, dann zeigt das einerseits, wie irrwitzig Kapitalismus konstruiert ist, und andererseits, wie untauglich eine Umverteilungsforderung hinsichtlich notwendig grundlegender Veränderung der Arbeits- und Lebensbedingungen ist.

Gesamtkörperliches Einverständnis und automatisch-identifikatorische Funktionalität

Gesamtkörperliches Einverständnis ist ein vorwiegend aktiver Prozess, individuell, gruppen- und teils auch klassen- bzw. schichtspezifisch, um sich in den Fetischverhältnissen des Kapitalismus einzurichten, ja enthält teils auch noch Zweifel oder Skepsis gegenüber manchen demokratisch-kapitalistischen Zumutungen, aber keinerlei Einsicht mehr in die Geschichtlichkeit des Kapitalismus, der als ewig und unveränderbar gilt, obwohl er sich selbst in seinen inneren Formationen (außer den Grundlagen) in ständiger Veränderung bewegt. Deshalb tritt das gesamtkörperliche Einverständnis vorwiegend als elaborierte Form der Verinnerlichung kapitalistischer Notwendigkeiten auf, während die automatisch-identifikatorische Funktionalität gar keine Verinnerlichung, also einen zwar noch aktiven Prozess erfordert, aber nicht so tiefe Spuren im Bewusstsein hinterlässt sondern automatische Identifikation mit und Funktionalität in den zentralen fetischhaften kapitalistischen Verhältnissen bedeutet. Ware, (Lohn-)Arbeit, Geld und Kapital(-zweck) fallen gleichsam mit und in Personen zusammen. Anders ausgedrückt, Personen sind nichts in irgendeiner Weise noch von den kapitalistischen Grundkatagorien Abgegrenztes mehr, sondern sind nicht mehr nur als Arbeitskraft Ware, sondern auch als ganze Person. Person und Ware fallen in eins, Person ist Ware, ist kapitalistische Funktionalität.

Als gesamtkörperlich ist das Einverständnis deshalb zu bezeichnen, weil es nicht nur um aktives Bewusstsein im Sinne von innerer und kritisch geprüfter Zustimmung zu den Verhältnissen des (demokratischen) Kapitalismus allgemein, sondern um eine konkrete und totale Integration des individuellen Körpers in die Verhältnisse im Gleichklang mit den anderen einverständigen Körpern geht, die ständig aktiv in zahlreichen Handlungen im Arbeitsprozess, im kommunikativen Handeln auf allen gesellschaftlichen Ebenen, im aktiven (auch durchaus kritisch anverwandelten) Konsumverhalten usw. gesichert wird. Dieses gesamtkörperliche Einverständnis wird zwar über zahlreiche Formen der Zugehörigkeit, der sichernden Zustimmung, der anerkannten Verhaltensweisen, aber auch ihrer kritischen Weiterentwicklung (ohne den vorgegebenen Rahmen zu sprengen) permanent bestätigt und immer geschmeidiger und tiefer, ist und bleibt aber im Kern ein gesamtkörperliches Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen, das zwar dieser alltäglichen Vergewisserungen in der Form bedarf, aber im Wesen als Grundentscheidung nicht in Zweifel gezogen wird bzw. werden darf.

Die automatisch-identifikatorische Funktionalität ist die weniger bewusste, keinesfalls völlig passive, aber vorwiegend unreflektiert automatisch funktionierende Identifikation mit den Verhältnissen, die sich unabhängig von subjektivem Wohlbefinden oder subjektivem Unwohlsein regelmäßig einstellt und zwar als weitgehend stabil erbrachte Funktionalität im Arbeitsprozess sowie als perfekt konfektioniertes permanent praktiziertes Kauf- und Konsumverhalten. Fragen entstehen in dieser Art von Funktionalität nur noch hinsichtlich weiterer Perfektionierung dieser automatisch-identifikatorischen Funktionalität, keinesfalls bzgl. dieser Funktionalität selbst. Wie allerdings die radikalen Konformisten („Querdenker“) während der Pandemie verdeutlicht haben, ist ihr Einssein mit den kapitalistischen Verhältnissen deutlich prekärer als das der gesamtkörperlich Einverständigen, denn sobald ihre automatische Identifikation mit den Verhältnissen zu Enttäuschungen führt, sie also nicht das bekommen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht, reagieren sie aggressiv, aber nicht etwa gegen die politisch-ökonomischen Verhältnisse, sondern gegen einzelne Vertreter des Kapitals und des Staates, denen sie wegen ihrer Identifikation mit den Verhätnissen unterstellen, ihnen absichtlich die „Freiheit“ in ihrer Funktionalität vorzuenthalten. Fast reflexionsfrei wie sie sind, wollen die automatisch Funktionierenden wenigstens etwas vom „System“ haben, nämlich die „Freiheit“ der uneingeschränkten Bewegung und des uneingeschränkten Kaufens, unabhängig davon, über welche Mittel sie für diese „Freiheit“ verfügen. Sie haben im Gegensatz zu den gesamtkörperlich Einverständigen keinen Blick für das große Ganze.

Kapitaleigentümer (großes und mittleres Kapital) sind wegen ihrer Klassenposition im Wortsinne selbstverständlich gesamtkörperlich einverstanden, weil wegen ihrer Klassenlage automatisch-identifikatorische Funktionalität nicht ausreicht. Sie können sich als „Macher“ oder als Befehlshaber durchaus ihres drastischen Machtvorsprungs bewusst sein, diesen aber im Sinne des gesamtkörperlichen Einverständnisses mit den Produktions- und Distributionsverhältnissen als notwendig und ihrer herausgehobenen sozioökonomischen Bedeutung entsprechend verstehen. Die Entscheidungen dieser Kapitaleigentümer, die zusammen mit den Top-Managern und zum Teil auch den Angestellten des mittleren Managements von Großunternehmen den Kern der herrschenden Klasse darstellen, unterliegen den Zwängen der selbstzweckhaften Profitorientierung und sind dementsprechend nicht an einer bedürfnisorientierten Ökonomie und damit auch nicht an den Bedürfnissen der Lohnabhängigen ausgerichtet. Lohnarbeitskräfte sind ihr (!) variables Kapital, mit dem die Grundlage (Mehrwert, s.o.) des Profits geschaffen wird. Im Wortsinne selbstverständlich stellen sie ihr Kapitaleigentum oder ihre Tätigkeit als Verantwortung für die Lohnabhängigen bzw. die Bevölkerung und deren Versorgung dar. Sie pflegen das notwendig falsche Bewusstsein der unternehmerischen Freiheit, der besonderen unternehmerischen Leistung und des unternehmerischen Risikos. Letzteres besteht faktisch nur darin, ebenso wie bereits 80-90 % der Gesellschaftsmitglieder lohnabhängig zu werden, aber das Postulat unternehmerischer Freiheit wirkt in ihren Köpfen und auch in den meisten Köpfen der Lohnabhängigen als Narrativ der herausragenden Bedeutsamkeit des Kapitals und deshalb der besonderen Bedeutsamkeit der Kapitaleigentümer und Kapitalmanager.

Top-Manager, die eine der Konsequenzen aus der Bildung von Aktiengesellschaften als „Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise“ 16 sind, die als „ein sich selbst aufhebender Widerspruch“ zu verstehen sind, bilden eine Zwischenschicht zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen. Erst sind sie Lohnabhängige, dann aber wegen extrem hoher Löhne auch Kapitaleigentümer (z.B. durch nennenswerten Aktienbesitz). Sie fungieren als Angestellte des Kapitals, die Kapitalinteressen in besonderer und herausgehobener Weise vertreten. Sie stellen sozusagen die Spitze der gesamtkörperlich Einverständigen dar. Auf Gedeih und Verderb verfolgen sie Profitinteressen, müssen sie verfolgen und sind dementsprechend für Bedürfnisse der lohnabhängigen Masse jenseits kapitalistischer Erfordernisse qua Funktion besonders unzugänglich.

Freiberufler und Kleinselbstständige neigen wegen ihrer v.a. finanziellen Unterprivilegierung gegenüber dem Großkapital und den verschiedenen Spielarten von Kapitalmanagern zu einer Mischung aus automatisch-identifikatorischer Funktionalität und gesamtkörperlichem Einverständnis, weil nicht wenige von ihnen unter einer speziellen Form der sozialen Ungleichheit im Kapitalismus, nämlich der Ungleichheit im Kapital „leiden“. Sie sind wie auch die im Folgenden genannten Unterabteilungen der Lohnabhängigen besonders anfällig für Statussymbole (Haus, Wohnungseinrichtung, PKW, Kleidung, Fernreisen usw.), um sich auf der Erscheinungsebene, um die es ohnehin für die meisten Gesellschaftsmitglieder fast ausnahmslos geht, einigermaßen ähnlich gerieren zu können wie die „Spitzenklasse“. Die Distinktion 17, also die Abgrenzung „nach unten“, und der Aufbau einer angeblich eigenen Lebenswelt mit höherem gesellschaftlichen Prestige ist für die meisten dieser Eigentümer von Produktionsmitteln, ohne an die Menge und sozioökonomische Bedeutung des großen und mittleren Kapitals heranreichen zu können, von wesentlicher Bedeutung, weil sie in ihrer Funktion der Lohnabhängigkeit entgehen.

Relativ privilegierte Lohnabhängige, die wegen Leitungsfunktionen im unteren, teils auch im mittleren Management oder anderer besonders unternehmensrelevanter Tätigkeiten oder besonders wichtiger Positionen in der Aufmerksamkeitsökonomie (TV-Moderatoren, Chefredakteure, Journalisten mit großer Reichweite) mit höheren Löhnen (heißt dann Gehalt + Prämien verschiedenster Art), Titeln und Arbeitsvorteilen „bezahlt“ und dadurch motiviert werden, untergebene Lohnarbeitskräfte zur intensiven Arbeit anzuspornen, haben ebenfalls eher wenig Probleme mit ihrem Einverständnis, weil die Vorteile ihrer Position evident sind, oder neigen sogar je nach faktischer Bedeutung auch schon zur automatisch-identifikatorischen Funktionalität – sozusagen auf höherer Ebene, aber ohne Kapital.

Etwas schwieriger ist die Selbstverortung im demokratischen Kapitalismus für zahlreiche partiell weisungsbefugte oder zumindest fachspezifisch hochwertiger arbeitende Angestellte und Beamte (Krankenhausärzte, Bank- und Versicherungsangestellte in mittleren und etwas höheren Positionen, Ingenieure, Richter, Staatsanwälte, Lehrkräfte in Schulen (besonders Schulleiter) usw.). Unter diesen häufig akademisch Gebildeten wird nämlich die Vorstellung aufrechterhalten, informiert, kritisch und keineswegs Jasager zu sein. Nur wird bei näherer Betrachtung deutlich, wie dieses Image gepflegt wird. Sie sind nämlich exakt wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen aus der Lohnabhängigenklasse „hinter dem Geld her“, passen sich aber besonders den je aktuellen gesellschaftlichen Strömungen an, halten den Gebrauchswert von Arbeit für das Entscheidende und ihren Gebrauchswert für ziemlich groß, sind aktuell mehr oder weniger „Öko“ (Stichwort Klimawandel), auf jeden Fall aber gesundheitsbewusst, unterstützen gegebenenfalls Organisationen zur Linderung weltweiter Armut etc. Dies ist die Lohnabhängigengruppe, die neben den relativ privilegierten Lohnabhängigen den größten Aufwand betreiben muss, um sich im gesamtkörperlichen Einverständnis in den fetischhaften Produktions- und Konsumverhältnissen zurechtzufinden. Zwar gehören sie finanziell zum oberen Drittel der Gesellschaft, erfahren aber ihre Inferiorität und tendenzielle Bedeutungslosigkeit bzw. Austauschbarkeit schon relativ deutlich und müssen sich deshalb durch Selbstmodellierung und Abgrenzung nach unten ständig beweisen, v.a. indem sie „die da unten“ engagiert betreuen. Sie glauben mit einiger Berechtigung, nicht einfach zu funktionieren und diskutieren allerlei Facetten der kapitalistischen Realität, nur eben nicht die grundsätzliche Fragwürdigkeit des Kapitalismus selbst. Salopp formuliert: Sie sind kritisch angepasst. Genauer, sie sind gesamtkörperlich einverstanden mit dem demokratischen Kapitalismus und wollen an manchen Stellen Verbesserungen erwirken, z.B. den Klimawandel bremsen. Das ist ihr kritisches Tagesgeschäft im vorwiegend unbegriffenen gesamtkörperlichen Einverständnis mit den Produktionsverhältnissen und damit den Zwecken des Kapitals.

Alle bisher genannten „Gruppen“ der Gesellschaft, ob der Klasse der Kapitaleigentümer oder dem relativ privilegierten Teil der Klasse der Lohnabhängigen zugehörig, tendieren zum gesamtkörperlichen Einverständnis und weniger zur automatischen Identifikation mit den herrschenden Verhältnissen. Im Vergleich zu diesen verfügt die Masse der Arbeiter und Angestellten unter den Lohnabhängigen, die unmittelbare Befehlsempfänger sind, über nur sehr geringe Entscheidungsspielräume innerhalb des Systems – in nahezu jeder Hinsicht. Das hat gerade die wenigen radikalen Kritiker des demokratischen Kapitalismus immer wieder dazu verführt, die totale Abhängigkeit der Masse der Lohnabhängigen von den Strategien und Folgen der Kapitalverwertung als Beweggrund für Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse einzuschätzen oder, anders formuliert, in diesen Lohnabhängigen eine automatische Identifikation mit revolutionären Bestrebungen gegen den Kapitalismus zu vermuten. Genau das Gegenteil ist aber mit fortschreitender Wirksamkeit kapitalistischer Verhältnisse der Fall. Die Masse der Lohnabhängigen identifiziert sich automatisch mit den wesentlichen Bestimmungen des Kapitalverwertungsprozesses und den daraus entstehenden Folgen für die Arbeitsbedingungen und ihr gesamtes Leben.

Sie lehnen sich nicht auf, sie wüssten gar nicht wogegen. Sie schimpfen über ihre „Chefs“ in Abwesenheit der „Chefs“, sie nörgeln sich durch den kapitalistischen Alltag, ohne überhaupt zu sehen, dass dieser kapitalistisch ist. Ihre Nörgelei ist immer auf Personen bezogen, nahezu nie auf die Strukturen, auf das System. Die Zeiten von kritischer Arbeiterbildung durch Gewerkschaften und Parteien sind längst vorbei. Der mediale, zunehmend digitalisierte Overkill, vom Kapital organisiert und dominiert, wird von ihnen nicht als solcher eingeschätzt, sondern für eine segensreiche Modernisierung gehalten. Sie nehmen begeistert die Zerstreuungen der Unterhaltungsindustrie wahr, so wenig sich viele von ihnen auch davon finanziell überhaupt leisten können. Trotz der geringeren Kaufkraft hat der kompensatorische Konsum als Ausgleich zu den Zumutungen der Arbeitswelt sie eher noch mehr im Griff als die privilegierten Schichten der Lohnabhängigenklasse, weil wegen der Zumutungen des Arbeitsprozesses und der durch niedrige Löhne bedingten geringeren Teilhabe am sogenannten gesellschaftlichen Leben Kompensationswünsche noch schärfer getriggert werden.

Sie halten Massenentlassungen für Managementfehler und nicht für ein Ergebnis der durch globale Konkurrenz getriebenen wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, die ihren Ausdruck in der Zunahme von Maschinen (befeuert durch die technische Mikrochip-Revolution) und dem Abbau von Arbeitskräften findet – in allen Bereichen der Industrie, des Transports, des Handels, der Dienstleistungen, der Verwaltung usw..

Sie glauben fest daran, dass der Staat ihre Lage nachhaltig verbessern könnte, wenn seine Repräsentanten nur wollten. Die regelmäßige Enttäuschung führt bei den wenigsten aus der Masse der Lohnabhängigen zu Fragen über die Funktion des Staates im Kapitalverwertungsprozess, sondern bei den meisten zu Kritik am politischen Personal und zur Suche nach Verantwortlichen für ihre ständig erlebten individuellen und sozialen Einschränkungen, zur Zeit sind das v.a. pauschal „die Flüchtlinge“ oder „die Muslime“, aber auch und immer wieder pauschal „die Ausländer“ (wobei deutsche Staatsangehörigkeit keine Rolle spielt, sondern das „fremdländische Aussehen“ als Merkmal reicht) und noch immer und in Wellen verstärkt „die Juden“.

Die Darstellung von Beispielen der automatisch-identifikatorischen Funktionalität der großen Mehrheit der Lohnabhängigen ließe sich fast endlos fortsetzen, da sie aber im Wesentlichen sehr ähnlich sind, lässt sich festhalten, dass diese Art Funktionalität einem Automatismus gleichkommt. Es handelt sich um die selbstverständliche (im Wortsinne) Identifikation mit den fetischisierten Waren-, Geld- und Kapitalverhältnissen und der darin vorgesehenen Funktion der Lohnabhängigen und Konsumenten. Die Kernbestimmungen der Kapitalverwertung – gesellschaftliche Beziehungen als Beziehungen von Waren, Warenproduktion zum Zweck des privaten Profits, Ausbeutung der Ware Arbeitskraft als Grundlage des Profits, Ziel des Einzelkapitals, des Gesamtkapitals wie auch der lohnabhängigen Menschen ist, aus Geld (Universalware) mehr Geld zu machen – sind so tief, aber meist völlig unbegriffen über Generationen hinweg in allen Lebensbereichen sich anverwandelt worden, dass sie wie unausweichliche und unveränderbare Natur gelebt werden.

Mehr noch, die allseitige Konkurrenz zwischen Kapitaleigentümern, Kapitalmanagern und Lohnabhängigen unter Waren-, Geld- und Kapitalverwertungsverhältnissen, die je nach Region einige Jahrhunderte oder viele Jahrzehnte andauert, hat nicht nur die automatisch identifizierten, sondern auch viele der gesamtkörperlich einverständigen Lohnabhängigen, aber auch die Freiberufler, Kleinselbstständigen, Kapitalbesitzer und -manager zu der unverrückbaren Überzeugung gebracht, Kapitalismus entspreche als einzige Form der Ökonomie dem Wesen der biologisch bestimmten menschlichen Natur, entspreche also auch dem Wesen jedes einzelnen Menschen als Naturwesen und sei deshalb überhistorisch richtig.

Das ist Verkehrung von Gesellschaft in Natur! 18 Die permanente Erfahrung von Unterordnung, von Konkurrenz bei Gefahr des Untergangs oder des Arbeitsplatzverlustes, die zahllosen Beispiele von Selbstbereicherung und Korruption auf allen Ebenen der Wertverwertung und der Warenbeschaffung im kapitalistischen Normalvollzug, die Konstruktion der politischen Absicherung des Kapitalismus in der parlamentarischen Demokratie, in der gewählte Abgeordnete nur „ihrem Gewissen“ unterworfen sind und das auch noch als Hochamt der Demokratie gefeiert wird usw. usw. – alle diese Erfahrungen können den Eindruck erwecken, es sei Natur, die da wirke. In Fetischverhältnissen wird dieser Eindruck häufig zur unverrückbaren Gewissheit. „Dem Menschen“, den es historisch gar nicht gibt (bis auf wenige biologische Merkmale wie Selbsterhaltungstrieb), werden naturhafte Eigenschaften angedichtet, die den tief eingeschriebenen und auch tradierten Erfahrungen mit kapitalistischer Gesellschaft entnommen werden. Von Natur aus sei der Mensch egoistisch und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht (die Parallele zu bürgerlichen Nationalökonomen des 18. und 19. Jhdts. wie Smith und Ricardo ist nicht zufällig), er sei gierig und alle Versuche, eine sozialistische oder kommunistische Wirtschaft/Gesellschaft zu entwickeln, seien zum Scheitern verurteilt, weil „der Mensch“ sich nicht zu einem altruistischen und genügsamen Wesen umerziehen lasse, da dies seiner Natur widerspreche.

Mit dieser letzten Wendung herrschender Ideologie des Kapitalismus gesellen sich als Verantwortliche für Probleme, Krisen, Niedergang und Elend in den Köpfen vieler Lohnabhängiger, aber auch Kapitaleigentümer etc. zu den Flüchtlingen, Ausländern, Muslimen und Juden die Sozialisten, die Kommunisten, überhaupt alle irgendwie Linken, aktuell die „Links-Grün-Versifften“. Das zeigt die Anschlussfähigkeit solchen Bewusstseins an nationalsozialistische bzw. faschistische Ideologie und Herrschaftsvorstellung, da die Vorstellung z.B. einer Herrenrasse nur die radikalisierte Form all der angeblich natürlich vorhandenen Eigenschaften „des Menschen“ darstellen.

Die bürgerliche, also kapitalistische Gesellschaft hat sich zu großen Teilen von der ursprünglich auch in Anschlag gebrachten Vernunft bürgerlicher Revolution verabschiedet. Die schnöde, aber fetischhafte Realität der bürgerlichen Gesellschaft/des Kapitalismus tobt sich fast ungebremst in den Köpfen der Insassen des kapitalistischen Normalvollzugs aus. Manche müssen in und zu dieser Realität aktiv und reflektiert ihr Einverständnis entwickeln und ständig bestätigen. Wenn es gelingt – und es gelingt den meisten, weil es so naheliegend ist, dann handelt es sich um ein gesamtkörperliches Einverständnis, das ihre Körper als Ganzes in den Wertverwertungsprozess einfügt. Andere Insassen müssen nicht einmal dieses Einverständnis herstellen, weil sie sich aktiv und nahezu automatisch mit dem kapitalistischen Normalvollzug identifizieren. Beide Gruppen verteidigen den Kapitalismus, unabhängig davon, wie viel sie davon haben oder wie groß ihre Vor- oder Nachteile sind, weil sie ihn für natürlich oder zumindest für unveränderbar halten.

Nachspeise

Der Kapitalismus entfaltet seine Wirkung immer wieder neu, bleibt im Kern aber unverändert. Seine Wirkung ist noch verheerender als die Herrschaft direkter Gewalt mit göttlicher Absicherung (wie etwa im Feudalismus/Absolutismus), weil die Untertanen sich entweder sehr aktiv und reflektiert einverstanden erklären oder zumindest aktiv in automatisch-identifikatorischer Funktionalität befinden müssen. Kein Gott weist ihnen mehr den Weg. Rohe Gewalt (des Staates) steht zwar als Drohung zur Verfügung, wird aber erst bei Unbotmäßigkeit eigenen Handelns eingesetzt.

In Staaten wie Deutschland (im Gegensatz zu vielen anderen Staaten) scheinen nicht nur, sondern sind auch tatsächlich trotz der herrschenden Bedingungen zahlreiche Lebensbereiche in Familien, Freundschaften, Bezugsgruppen und sogar an nicht wenigen Arbeitsplätzen erträglich oder mehr als das. Außerdem sind Menschen, gleichgültig in welcher sozialen Position, um es vereinfacht auszudrücken, äußerst zäh in der Verteidigung ihrer privater Verhältnisse, die nicht alle vollends überformt und durchwirkt sind von den Produktions- und Konsumtionsverhältnissen, sodass sie im privaten Bereich ein Gegengewicht zu den Zumutungen des Kapitalismus schaffen können. Da aber viele das nicht wissen bzw. überhaupt so sehen können oder wollen, erscheint ihnen die Freude und das Glück im privaten Bereich nicht trotz der Verhältnisse, sondern durch die Verhältnisse oder zumindest in ihnen möglich zu sein. Das ist dann aber wiederum eine Bestätigung für ihr Einverständnis oder ihre Identifikation mit den kapitalistischen Verhältnissen, die sie ja auch gar nicht als solche benennen könnten.

Die gesamtkörperlich Einverständigen wären prinzipiell in der Lage, sich von diesem Einverständnis zu befreien – v.a. wegen ihrer häufig höheren Bildung. Nur wenige jedoch tun es, weil sie einerseits zum Teil noch gewisse Privilegien genießen dürfen (höhere Einkommen, mehr Genussmöglichkeiten bzw. mehr kompensatorischer Konsum, Distinktionsgewinne u.Ä.), andererseits aber auch kognitiv tiefer, weil reflektierter in den Verhältnissen verwurzelt sind als die automatisch-identifikatorisch Funktionierenden. Diese wiederum sind zwar kognitiv nur oberflächlicher integriert und könnten sich deshalb potenziell bei allzu großen Zumutungen und Enttäuschungen aus der automatischen Identifikation herausbegeben. Da aber automatische Identifikation ein deutlich unbewussterer und vornehmlich unreflektierter Vorgang ist und gerade deshalb emotional doch tief verankert ist, neigen die identifikatorisch Funktionierenden mehrheitlich bei Enttäuschungen, die Unzufriedenheit erzeugen, eher zu Forderungen nach Radikalisierung kapitalistischer Verhältnisse, nach Ausgrenzung angeblich nicht Befugter/Zugehöriger, also zu faschistoiden oder gar faschistischen „Lösungen“, von denen sie sich eine Linderung der Zumutungen oder einen Zuwachs an Eigenbedeutung versprechen. Darin treffen sie und vereinigen sie sich mit den gesamtkörperlich Einverständigen (aus allen Gesellschaftsgruppen), die Befürchtungen haben, ihre Teilprivilegien oder ihre Machtstellung zu verlieren. Kapitalismus ist immer potenzieller Faschismus.

Die Rechnung bitte!

Die Bewussteinslage im Spätkapitalismus macht trotz der inzwischen kaum noch übersehbaren sozialen und ökologischen Krisen, die dieser erzeugt, leider wenig Hoffnung auf eine mehrheitliche Anstrengung, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ 19. Die Kapitalismuskritiker haben anscheinend die berühmte Passage aus dem Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie von Marx immer noch nicht ernst genug genommen:

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ 20


1 https://querdenken-711.de Auf dieser Seite sind auch die regionalen Gruppen von „Querdenken“ verlinkt. 711 steht für die Telefonvorwahl Stuttgarts, also die Stadt, in der die „Querdenken“-Bewegung ihren Ursprung hat. Die sogenannten „Corona-Rebellen“ gibt es inzwischen mehr als Begriff, den die Medien wegen angeblicher Griffigkeit nicht aufgeben wollen, denn als bundesweite Organisationseinheit der Coronaverharmlosung und -leugnung. In Düsseldorf haben die unter diesem Namen Aktiven wohl auch noch faktische Bedeutung. https://coronarebellenduesseldorf.com Wichtiger als die Corona-Rebellen sind neben der Querdenken-Bewegung der sogenannte demokratische Widerstand, der in Berlin besonders bedeutsam ist, https://demokratischerwiderstand.de , https://www.nichtohneuns.de , und der als „wissenschaftliche Instanz“ für Coronaverharmlosung und -leugnung fungierende Corona-Ausschuss https://corona-ausschuss.de . Eine Partei hat sich aus diesem Bewegungsspektrum auch bereits gebildet, https://diebasis-partei.de . Zur kritischen Einordnung der „Querdenker-Bewegung“ eignen sich z.b. solche Darlegungen: https://www.krisis.org/2021/warum-gibt-es-so-wenig-vernuenftige-und-so-viel-absurde-corona-proteste/ oder http://emafrie.de/querdenker/ .

2 Querdenken im Sinne eines distanzierten Betrachtens und Erforschens der grundlegenden ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse ist die einzige Möglichkeit, die Hypothesen, Beobachtungen, Theorien und die Prüfung der Hypothesen und Theorien „gegen den Strich“, also quer zu den herrschenden Verhältnissen zu bürsten, weil man sonst schnell und manchmal auch unbemerkt/ungewollt in die Falle der permanenten Bestätigung, Affirmation oder Apologetik der herrschenden Verhältnisse gerät. Nur, in diesem Sinne denken und beobachten die „Querdenker*innen“ gerade nicht. Im Gegenteil, sie denken systemimmanent und affirmativ und kritisieren Personen oder angebliche Verschwörungen statt der Strukturen und Verhältnisse des demokratisch legitimierten Kapitalismus. Sie sind deshalb Mittendrindenker*innen, wie im Fortgang der Argumentation verdeutlicht wird.

3 Vgl. hier die informative Übersicht zu Verschwörungserzählungen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2/Covid-19, Maßnahmen gegen die Pandemie und Impfungen: https://www.rnd.de/panorama/ein-jahr-verschworungserzahlungen-die-bekanntesten-corona-mythen-sind-nie-eingetreten-TZLJWRPZVNE4FATPZIVB3JPSGE.html Auch das Kurzgutachten von Virchow und Häusler für das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW mit dem Titel „Pandemie-Leugnung und extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen“ vom November 2020 ist hinsichtlich Verschwörungserzählungen, Parolen und sozialen Milieus der Pandemieleugnung informativ https://www.bicc.de/uploads/tx_bicctools/CoRE_Kurzgutachten3_2020.pdf . Trotz einiger bürgerlicher Illusionen hat Eva Horn von der Berliner Zeitung für den Deutschlandfunk im Februar 2021 einen phasenweise sehr luziden Beitrag geschrieben, der übliche journalistische Arbeit deutlich überragt. Horn schreibt „Über alternative Fakten, Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsdenken“ und leuchtet dabei einige Besonderheiten von Wissenschaft, Medien und „Querdenken“ aus. https://www.deutschlandfunk.de/coronakrise-ueber-alternative-fakten-wissenschaftsskepsis.1184.de.html?dram:article_id=492132

4 Vgl. hierzu in diesem Blog den Aufsatz zur Coronakrise. https://arche-noe.de/2021/04/12/coronakrise/

5 Informationen zu Michael Ballweg (Querdenken 711) sind z.B. hier zu finden: https://netzpolitik.org/2020/querdenken-der-geschaeftige-herr-ballweg/

6 Mit den üblichen Illusionen über Demokratie haben das auch bürgerliche Medien erkannt. https://www.volksverpetzer.de/schwer-verpetzt/ein-jahr-corona-querfront/ oder https://web.de/magazine/news/coronavirus/querdenker-form-extremismus-35744340 .

7 Grundlage der folgenden Darlegungen sind einige Vorträge, die ich in den frühen 2000er Jahren gehalten habe. In diesen Vorträgen hatten die Begrifflichkeiten „gesamtkörperliches Einverständnis“ und „automatische Identifikation“ zentrale Bedeutung.

8 Zwei Beispiele für bürgerliche Wissenschaft im Zusammenhang mit der vorliegenden Thematik, die gleichsam in den Eingeweiden der kapitalistischen Entwicklung wühlen und zu tragfähigen Einzelerkenntnissen gelangen, ja sogar einige deren Grundlagen aufdecken, ohne aber diese Erkenntnisse in den Grundströmungen der Produktions- und Herrschaftsverhältnisse systematisch zu verankern und dadurch zu vertiefen, sind Norbert Elias, „Über den Prozess der Zivilisation“, zwei Bände, zuerst 1939, dann 1969 wiederaufgelegt und 1976 als Taschenbuch in Frankfurt veröffentlicht sowie Michel Foucault, „Überwachen und Strafen“ (1976 in deutscher Übersetzung) oder „Die Geburt der Biopolitik – Geschichte der Gouvernementalität II“ (1979). Der Frankfurter Schule gelang es zum Teil Grundkategorien von Marx mit Philosophie, Psychoanalyse und/oder Soziologie bzw. Sozialpsychologie zu verbinden und bietet einigen Erkenntnishintergrund zu vorliegender Thematik, z.B. Theodor W. Adorno, „Studien zum autoritären Charakter“ (1949, 1995 neu aufgelegt), Max Horkheimer, „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ (1947), Horkheimer/Adorno, „Dialektik der Aufklärung“ (1944, 1947, Neuausgabe 1969), Erich Fromm, „Furcht vor der Freiheit“ (1941), „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (1955), „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1973) oder der frühe Jürgen Habermas, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ (1968), „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1973). In der Tradition der von der Frankfurter Schule ausgehenden kritischen Theorie wird nach wie vor geforscht und gedacht wie z.B. Gerhard Vinnai, „Sozialpsychologie der Arbeiterklasse“ (1973), „Wunschwelten und Opferzusammenhänge“ (2011), „Die Tücken des Privateigentums. Der Einfluss auf die Psyche und notwendige Alternativen“ (2017) und aktuell auf der Website von Vinnai, „Vernunft und Irrationalität – Zur Sozialpsychologie der Corona-Krise“ (2020): https://www.vinnai.de/papers . Marx selbst hat den Begriff der entfremdeten Arbeit in seinen zu Lebzeiten nicht veröffentlichten ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844) entwickelt und im Kapitel über die Ware, speziell den Fetischcharakter der Ware in „Das Kapital Band 1“ (1867, später zahlreiche Neuauflagen, MEW Band 23 oder auch MEGA Band 5) im Zusammenhang mit der Kritik der politischen Ökonomie vertieft. Georg Lukacs, einer der umstrittensten „Marxisten“ unter „Marxisten“ nahm den Begriff der Entfremdung auf und ergänzte ihn durch den Begriff der Verdinglichung v.a. in seiner noch stark hegelianischen Essaysammlung „Geschichte und Klassenbewusstsein“ (Erstveröffentlichung 1923, dann 1967) und beeinflusste damit insbesondere die kritische Theorie der Frankfurter Schule. Trotz der Zurückdrängung aller auf Marx/Engels bezogenen Forschung und Theorienbildung nach 1945 mit dem linksbürgerlichen Zwischenspiel der 1960er und 1970er Jahre, das Marx wiederentdeckte, ist die Beschäftigung mit dem bewusstsen Sein auf der Grundlage des von Marx analysierten Waren-, Geld- und Kapitalfetischs nie ganz abgerissen und durch zahlreiche Erkenntniskategorien angereichert (manche sagen auch: verwässert) worden. Ein paar Hinweise mit engem oder weitem Bezug zur vorliegenden Thematik müssen hier genügen. Sie sind eher Leseanregungen als systematisch oder gar vollständig. Herbert Marcuse, „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1955/1965), „Der eindimensionale Mensch“ (1964/1967), Wolfgang Fritz Haug, „Kritik der Warenästhetik“ (1971/2009), Freerk Huisken, „Erziehung im Kapitalismus“ (1998), Götz Eisenberg, „Zwischen Amok und Alzheimer“ (2015), „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ (2016), „Zwischen Anarchismus und Populismus“ (2018) (alle Veröffentlichungen mit dem Zusatz: „Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“), Stephan Voswinkel, „Entfremdung und Aneignung in der Arbeit“, in Böhle, Senghaas-Knobloch (Hrsg.), „Andere Sichtweisen auf Subjektivität“ (2019). Die Beschäftigung mit Entfremdung und Verdinglichung und deren Zusammenhang zum kapitalistischen Arbeitsprozess wird auch an folgenden relativ aktuellen Links im Internet deutlich: http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/79.neue-arbeitsformen-neue-unsicherheiten-neue-entfremdung.html , https://www.diss-duisburg.de/2016/07/entfremdung-renaissance-eines-begriffes/ , http://marxherbstschule.net/10/?page_id=289 .

9 Kanonen, Militärtechnik und Kriegführung könnten in ihrer ursächlichen Relevanz für die Entwicklung des Kapitalismus unterschätzt sein, wie Robert Kurz verdeutlicht. In kurzer Form hier: https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&index=4&posnr=80&backtext1=text1.php und in längerer, aber auch eindringlicherer Form hier: https://jungle.world/artikel/2002/02/mit-moneten-und-kanonen

10 Immer noch in fulminanter Weise beschrieben und verblüffend aktuell von Marx/Engels im Manifest der kommunistischen Partei, 1. Kapitel, „Bourgeois und Proletarier“. http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm#Kap_I oder https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/1-bourprol.htm oder https://www.projekt-gutenberg.org/marx/manifest/chap002.html oder http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Manifest+der+kommunistischen+Partei/Manifest+der+kommunistischen+Partei/I.+Bourgeois+und+Proletarier

11 Grundsätzlich wird in diesem Beitrag von einer Kontinuität von Erfahrungen ausgegangen. Erfahrungen, die über Zeichen (Sprache, Bilder, Symbole etc.) vermittelt werden, gelten in der „bürgerlichen“ Sozialisationsforschung als zentral. In ihr nämlich wird umstandslos (und oft auch begründungslos) die Vermittlung (!) von „Werten und Normen“ als Hauptaspekt der Sozialisation abgehandelt. Tatsächlich aber sind die Erfahrungen in der konkreten Lebenspraxis jedes Menschen und jeder Menschengruppe insgesamt entscheidend für den Sozialisationsprozess. Zwar gehört dazu auch wesentlich Sprache und das dadurch Vermittelte, aber die konkrete Lebenspraxis ist häufig „sprachloser“, als sich bürgerliche Idealisten das vorstellen mögen. Die Lebenspraxis wird bestimmt von Notwendigkeiten in den jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen. Ein Kind kann sich nicht aussuchen, ob seine Eltern hörige oder freie Bauern, Lehnsherren oder Feudalherren, Lohnabhängige oder Kapitalisten sind, deren Lebenspraxis ist aber unterschiedlich und ist Hauptbestandteil der Erfahrungswelt des Kindes. Es lebt und wird gelebt in der Lebenspraxis, die weitgehend durch die gesellschaftliche Stellung der Eltern im Produktions- und Distributionsprozess bestimmt ist. Die Erfahrungen in dieser ökonomisch-sozial grundlegend bestimmten „Welt“ weisen für fast alle Kontinuität auf. Kontinuität der täglichen Erfahrungen auf dem Bauernhof, in beengten Wohnverhältnissen vieler Lohnabhängiger, in den Villen der Kapitaleigentümer usw. usw. Kontinuität aber auch von Generation zu Generation. Die Erfahrungen schreiben sich nicht nur in Individuen ein, die versuchen, damit situativ irgendwie klarzukommen. Sie schreiben sich auch ein in Familien, in soziale Gruppen, in ganze Gesellschaften. Sie werden tradiert, auch durch Sprache, für die meisten aber noch mehr durch ähnliche Lebens- und Arbeitsbedingungen über Generationen hinweg. Die angeblich umfassende, partiell aber durchaus auch vorhandene Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen in den kapitalistischen Metropolen seit ca. 50 Jahren hat die tägliche Erfahrung kapitalistischer Produktions-, Distributions- und Konsumtionsverhältnisse nicht abgelöst oder gar überwunden, sondern nur noch für viele undurchschaubarer gemacht. Bevor jemandem von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen usw. etwas gesagt, gezeigt oder auch erklärt/erläutert wird, greift die Unmittelbarkeit der materiellen Verhältnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung, Arbeitsverhältnisse usw.) in das Leben ein und wird bis auf die häufig überschätzten sozialen Auf- und Abstiegsprozesse, die in allen bisher bekannten Gesellschaftsformationen zwar vorhanden, aber nicht gesellschaftsprägend waren, eben auch von Generation zu Generation weitergegeben. Auf diese Weise schreiben sich „hinter dem Rücken“ der Akteure tagtäglich konkrete Erfahrungen konkreter Lebenspraxis in das Bewusstsein bzw. das bewusste Sein ein. Diese konkrete Lebenspraxis überschreitet je nach historischer Entwicklung früher oder später in jedem individuellen Leben den engen familiär-häuslichen Bereich und weitet sich auf die Gesellschaft aus. Jede/r erfährt, was es da außerhalb der Familie/der Wohnung gibt und wie sich das zum Selbst, zur Familie, zur sozialen Klasse, der man angehört, verhält. Die wesentlichen Erfahrungen in der kapitalistischen Welt, die Bewusstsein durchwirken, versucht der vorliegende Beitrag ein bisschen auszuleuchten.

12 Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Band 1, IV. Abschnitt, Die Produktion des relativen Mehrwerts, 11. Kapitel Kooperation, MEW 23, a.a.O. S. 352 f.

13 Vgl. hierzu und zu zahlreichen anderen Aspekten entfremdeter Arbeit Gerhard Vinnai, Sozialpsychologie der Arbeiterklasse. Identitätszerstörung im Erziehungsprozeß. Reinbek bei Hamburg, September 1973. Darin besonders die Kapitel Sozialisation als Produktion der Ware Arbeitskraft, S. 74-90 und Zur Psychopathologie des proletarischen Sozialcharakters, S. 90-127.

14 Vgl. hierzu Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Erster Abschnitt, Ware und Geld, 1. Kapitel Die Ware, 4. Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis. MEW, Band 23, 16. Aufl. Berlin 1986, S. 85 ff.

15 https://www.tagesschau.de/inland/appell-millionaere-besteuerung-101.html

16 Karl Marx: Das Kapital, Band 3, MEW 25, S. 453f.

17 Zu diesem Verhaltenskomplex ist die Unterscheidung von P. Bourdieu in ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital instruktiv. Vgl. hierzu einen Originaltextauszug: https://homepage.univie.ac.at/henning.schluss/seminare/081-Bildungspolundsoz-Potsdam/Texte/05_Bourdieu_Pierre._Oekonomisches_kulturelles_und_soziales_Kapital.pdf

18 Die Redewendung bzw. den Begriff „Verkehrung von Gesellschaft in Natur“ verdanke ich einer der zahlreichen vergessenen Abhandlungen/Studien, die gleichsam darauf warten, gelesen zu werden. Es handelt sich um Rainer Rotermundt, Verkehrte Utopien. Nationalsozialismus. Neonazismus. Neue Barbarei. Frankfurt a.M. 1980. Darin besonders das Kapitel „Immanente Logik der nationalsozialistischen Ideologie I“, S. 42 ff.

19 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385

20 Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort, 1859, MEW 13, S. 8

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6 Antworten

  1. Elke Pacholek sagt:

    Wie seit vielen Jahren, in denen wir Deine Rundmails immer mit Begeisterung und Gewinn gelesen haben, bringst Du auch in diesem neuen Text wieder komplexe Zusammenhänge auf den Punkt. Wir freuen uns immer über Hintergrundinformationen und ‚Futter‘ für Gepräche. Meine ewige Frage wird sein: Wie bringt man all das unter die Leute?

  2. Arche sagt:

    Ein Blog ist ein Versuch, es „unter die Leute“ zu bringen. Dank für das Lob.

  3. Volker Eckert sagt:

    Sehr gut als Beschreibung unserer Zustände und als Schnellstdurchlauf zu ein paar wichtigen Thesen von Marx. Es müsste viel öfter die Frage gestellt werden, die du hier unter anderem formulierst: Warum wird unser aktuelles und noch nicht sehr altes kapitalistisches System als Naturzustand begriffen? Wer das infrage stellt, ist damit immer schon in der Defensive, ist ein Ideologe, der Umverteilung fordert. Dass die eigentliche Umverteilung der Kern des Systems ist, nämlich von unten nach oben, auf die Idee kommt irgendwie keiner.
    Danke auch für die Lesehinweise in den Fußnoten!

  4. Achim Raven sagt:

    Immer noch fällt es mir schwer, gründliche Texte auf dem Bildschirm gründlich zu lesen, die Papiersozialisation ist übermächtig.
    Dass es beim Querdenken weder mit dem Denken noch mit dem Quer besonders weit her, hast du eindrucksvoll dargelegt. Dass diese Konformisten ihren Feinbildern all die Schäbigkeiten zuschreiben, wovon sie selbst besessen sind, ließe auf eine gewaltige mentale Zerrüttung schließen, wäre es nicht so normal. Es gab Zeiten, da galt das notwendig falsche Bewusstsein in erster Linie als theoretisches Problem. Dabei war immer schon klar, dass es ein praktisches ist, dessen Universalität daran zu erkennen ist, wie viele Menschen etwas zurückhaben wollen, was es nie gegeben hat: Ob es die gute alte Zeit ist oder die Herrschaft der zu Werten verklärten Sekundärtugenden oder „mein altes Leben“, „meine Freiheit“, wenn nicht gleich die Wurst, die ich gern gegessen hätte, ist dabei völlig egal. Jeglicher Konservatismus basiert auf Konstrukten, wenn nicht Halluzinationen. Je näher man die Realität anschaut, desto ferner blickt sie zurück…
    All die Ausführungen zum Fetisch und seinen Bewusstseinsformen sind umso notwendiger, je mehr sie aus der Mode kommen und durch moralisierende Identitätspolitik (und ich denke dabei nicht an die so genannten Rechtsintellektuellen) verdrängt werden. Diese Ausführungen könnten durchaus Sinnvolles zum postkolonialen Identitätsdiskurs beitragen, sind aber scheint‘s unerwünscht.
    Mit dem Begriff des gesamtkörperlichen Einverständnisses hast du ein ganz großes Fass aufgemacht, aus dem es noch viel zu schöpfen gibt.
    Mehr davon!

  5. Arche sagt:

    @Volker
    Die Vorstellung, Kapitalismus sei unveränderbare Natur und insofern ewig, ist m.E. die größte, fast unüberwindbare Hürde, die den notwendigen Diskurs über Lösungsmöglichkeiten der weltweiten sozialen und ökologischen Krise (auf der Basis der schleichenden Krise kapitalistischer Ökonomie) nahezu perfekt verhindert. Man könnte das z.B. aktuell an den Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen der SPD, Grünen und FDP im Detail buchstabieren (vielleicht kann ich mich nicht beherrschen und nehme das sogar in Angriff). V.a. könnte man unter dieser Perspektive die Dominanz der FDP als kleinste Partei erklären, weil SPD und Grüne dem Liberalismus der FDP gar nichts entgegensetzen können, weil sie in ihrem gesamtkörperlichen Einverständnis mit oder ihrer automatischen Funktionalität im kapitalistischen System gefangen sind. Welch Irrsinn, mit kapitalistischen Mitteln die sich auftürmenden Probleme des Kapitalismus bekämpfen zu wollen. Nur, was ist, wenn keine anderen Bewusstseinselemente zur Verfügung stehen? Dann ist die FDP der Taktgeber für weiteren Irrsinn.
    Danke für den Zuspruch.

  6. Arche sagt:

    @Achim
    Aus welchen Gründen auch immer kann ich am Bildschirm zig Seiten konzentriert lesen. Das führt vielleicht auch dazu, meine Beiträge nicht auf eine erträgliche Länge kürzen zu können. Allerdings ist das auch den Gegenständen geschuldet, denen ich mich widme. Ihrer Komplexität werde ich auch in Überlänge nicht gerecht.

    Ja, Identitätsdiskurs und Identitätspolitik sind m.E. ziemlich exakt der Ausdruck der Verarbeitungsformen gesamtkörperlich Einverständiger, die ihre gedanklichen Restwiderstände gegen die kapitalistischen Fetischverhältnisse in eine Form bringen wollen/müssen, die eben diese Verhältnisse nicht zur Disposition stellen (können), sondern innerhalb der Verhältnisse Räume zur kritischen Verortung zahlreicher „kulturell“ definierter Gruppen und ihrer Interessen eröffnen. Dass diese Räume im Wesentlichen nur scheinbar sind, erschließt sich ihnen nicht, weil sie hier und da im Detail tatsächlich symbolische und manchmal sogar reale Teilverbesserungen erreichen können, weil kapitalistische Verhältnisse eben auch immer an der einen oder anderen Stelle Dehnungen, Ausbuchtungen, unschädliche Besonderheiten usw. zulassen.
    Vielleicht kommt dazu mehr.

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